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Menschliche Abwehrmechanismen

anmerkung: die folgenden auszüge stammen aus ‘rediscovering the true self’ von dr. ingeborg bosch-bonomo.
das buch ist bis jetzt nur auf englisch, niederländisch und französisch erhältlich. – was ich schade finde, weil mir bisher noch kein buch in der psychologischen literatur untergekommen ist, das so klar, praktisch und tiefgreifend ist wie dieses.  
die englischen auszüge erscheinen mir klarer und leichter zugänglich.



DIE SPALTUNG UNSERES BEWUSSTSEINS
DIE FOLGEN UNERFÜLLTER KINDLICHER BEDÜRFNISSE
DIE ERFÜLLUNG SEELISCHER BEDÜRFNISSE IST LEBENSWICHTIG
KOLLEKTIVE VERDRÄNGUNG UND LEUGNUNG
ABWEHRMECHANISMEN: LEBENSRETTEND DAMALS, LEBENSGEFÄHRLICH HEUTE
DIE DREI FORMEN DER LEUGNUNG


DIE SPALTUNG UNSERES BEWUSSTSEINS

Bei der Geburt ist unser Bewusstsein noch nicht gespalten.* Das bedeutet, dass wir nichts vor uns selbst verbergen. Mit andern Worten: Alles, was wir mit unseren fünf Sinnen - Hören, Sehen, Riechen, Tasten, Schmecken - wahrnehmen, dringt in das noch ungeteilte Bewusstsein ein, wird verarbeitet und löst eine Reaktion aus. So kuschelt sich (Reaktion) ein Säugling nach einer schmackhaften, warmen, aus Milch bestehenden Mahlzeit (vorangegangene Sinneswahrnehmung) still und behaglich in die Arme seiner Mutter. Er weint verzweifelt (Reaktion), wenn ihn ein nagender Hunger überwältigt (vorangegangene Sinneswahrnehmung), oder er saugt innig (Reaktion), wenn man ihm die Brust oder Flasche gibt (vorangegangene Sinneswahrnehmung). Alle Sinneswahrnehmungen gelangen in das Bewusstsein des Säuglings, werden verarbeitet und rufen eine entsprechende Reaktion hervor.

Das ist nur möglich, weil (noch) keine Bewusstseinsspaltung stattgefunden hat.
Schon sehr früh muss sich unser Bewusstsein jedoch teilen.** Dieser Prozess, der Verdrängung*** genannt wird, rettet uns sprichwörtlich das Leben. Die Bedeutung der Verdrängung für unsere Psyche kann mit derjenigen des Immunsystems für unseren Körper verglichen werden. Das Immunsystem schützt den Körper vor Viren und Bakterien. Verdrängung, das Abwehrsystem der Psyche, schützt uns vor seelisch schmerzlichen Erlebnissen, die unsere psychische Gesundheit gefährden. Die beiden Schutzsysteme sind letztlich miteinander verbunden. So bilden Körper und Seele eine Einheit und bestimmen zusammen unser allgemeines Wohlbefinden.


DIE FOLGEN UNERFÜLLTER KINDLICHER BEDÜRFNISSE

Verdrängung - das Schutzsystem, das unser Bewusstsein spaltet - ist notwendig, weil im Leben jedes Kindes Situationen auftreten, die verheerend wären, wenn sie vom Bewusstsein  vollständig verarbeitet würden. Mit anderen Worten: Das Kind würde vernichtet, wenn ihm diese Ereignisse im Moment voll bewusst würden. In gewissen Situationen kann die Wahrheit so niederschmetternd sein, dass eine volle Realisation lebensgefährlich wäre. Auf Anhieb ist das vielleicht schwer zu verstehen. Wie kann eine Situation lebensgefährlich sein, wenn das Kind nicht körperlich bedroht wird?
Versuchen Sie, sich folgendes vorzustellen: Sie befinden sich in einer Situation, in der Ihre grundsätzlichen, lebensnotwendigen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Es besteht keine Hoffnung, dass dies jemals geschehen wird. Sie sehen keinen Ausweg und können Ihre Lage nicht ändern. Es steht Ihnen keine Hilfe von außen zur Verfügung und Sie verstehen nicht, dass die Situation einst von selbst ein Ende nehmen wird. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass Sie hungrig sind, sich aber weder Nahrung kaufen noch sonst wie beschaffen können. Sie haben kein Geld und befinden sich in einem Land, dessen Sprache Sie weder verstehen noch sprechen. Sie kennen keinen Menschen und können das Land nicht verlassen. Sie wissen nicht einmal, wo Sie sind. Niemand bietet Ihnen Hilfe an und niemand kümmert sich um Ihre Not. Nach drei Tagen ohne Nahrung und menschlichen Kontakt realisieren Sie Ihre Ohnmacht und den Ernst Ihrer Lage. Wie wäre Ihnen zumute? Sie wären wahrscheinlich völlig niedergeschlagen. Vielleicht würden Sie sich fragen, ob es überhaupt sinnvoll sei, weiter zu leben.
Kinder werden regelmäßig vor ähnliche Situationen gestellt. Was können sie tun, wenn ihre wesentlichen Bedürfnisse - nicht nur nach Nahrung, Unterkunft und Kleidung, sondern auch nach Liebe, Berührung und Umarmung, seelischer Wärme, Geborgenheit, Respekt für ihre eigene Identität, Zuwendung und Fürsorge - von ihren engsten Bezugspersonen nicht erfüllt werden? Sie können sich nicht von ihren Eltern scheiden lassen und bei einem anderen Paar Aufnahme finden, das ihnen gibt, was sie brauchen. Sie können ihre Eltern nicht dazu bringen, sich zu ändern (obwohl viele Menschen im geheimen hoffen, dass es ihnen gelingt, und es auf symbolische Art und Weise ein Leben lang versuchen). Kinder können nicht begreifen, dass sie eines Tages ihr Leben selbst in der Hand haben werden. Sie haben nicht den gleichen Zeitbegriff wie Erwachsene. Eine Minute kann ihnen wie eine Stunde erscheinen, eine Stunde wie ein Tag und ein Jahr wie eine Ewigkeit. Kurz gesagt, Kinder sind oft in Situationen gefangen, in denen sie nicht erhalten, was sie brauchen. Sie können nichts dagegen unternehmen und sie sehen weder einen Ausweg noch ein Ende.
Jeder Mensch, ob Kind oder Erwachsener, der die Realität einer solchen Zwangslage konfrontieren müsste, könnte nicht überleben. Der Grund dafür ist nicht eine unmittelbare  körperliche Lebensgefahr, sondern die psychische Vernichtung, die eine solche Realisation mit sich bringen würde: die Realisation, dass absolut keine Hoffnung mehr besteht, je zu erhalten, was man zum Überleben braucht. ...

Verdrängung, das Schutzsystem der Psyche, das uns das Überleben einer Kindheit, in der einige unserer wesentlichen Bedürfnisse nicht erfüllt werden können, ermöglicht, führt zur Spaltung unseres Bewusstseins. Sie befähigt uns dazu, gewisse Sinneswahrnehmungen vor uns selbst zu verbergen und zu fühlen und zu handeln, als ob sich die entsprechenden Ereignisse nicht zugetragen hätten. Diese Spaltung ereignet sich beim Einsetzen der ersten lebensbedrohlichen Erlebnisse. Die gefährliche Realität, die sie enthalten, wird im metaphysischen Sinne hinter eine dicke Mauer verbannt und dort ›gespeichert‹. Wir sind uns dieser Vorgänge nicht bewusst, d.h. wir sind imstande, zu empfinden und zu handeln, als ob nichts geschehen wäre. Das gelingt uns nur, weil wir die Wahrheit vor uns verbergen. Unser Verstand registriert sie jedoch und veranlasst uns später zu entsprechenden Reaktionen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. In solchen Momenten entzieht sich unser Verhalten unserer bewussten Kontrolle. Die Fähigkeit, einen Teil der Realität auszugrenzen und zu blockieren - sie also zu verdrängen -, hat vielen Kindern und Erwachsenen in Situationen, in denen ihren grundlegenden Bedürfnissen nicht entsprochen wurde, das Leben gerettet. ...

Auf dem Gebiet der Hirnforschung sind vor kuzer Zeit die ersten zaghaften Schritte zur Lüftung der Geheimnisse um die Prozesse, die sich im Verlauf der Verdrängung im menschlichen Gehirn abspielen, unternommen worden. Ich bin der Ansicht, dass die jüngsten Erkenntnisse Aufschluss darüber geben, was auf neurologischer Ebene bei der Spaltung unseres Bewusstseins und bei der Verdrängung geschieht. Die wegweisende Forschung von Joseph LeDoux2 illustriert, wie gewisse emotionale Reaktionen und Erinnerungen ohne jegliche bewusste, kognitive Handlung möglich sind. Mit andern Worten: Wir können aufgrund einer unbewussten Erinnerung auf eine bestimmte Art und Weise reagieren und handeln. Es kann sein, dass es Ihnen anfänglich Mühe bereitet, dieses Konzept zu verstehen. Wir neigen dazu, unsere Reaktionen und unser Verhalten als das Resultat bewussten und mehr oder weniger rationalen Denkens zu betrachten und zu glauben, dass sie von unseren Erinnerungen bewusst beeinflusst werden. LeDoux’ Forschung zeigt jedoch, dass gewisse Informationen verdrängt und an einem unserem Bewusstsein nicht zugänglichen Ort gespeichert werden. Diese Informationen üben Einfluss auf unser Verhalten aus, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Bei diesem Prozess spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Dieser Teil unseres Gehirns  schaltet sich in Situationen ein, die starke, von Furcht geprägte Emotionen enthalten. Die Amygdala kann Erinnerungen an eindrückliche, beängstigende Erlebnisse speichern, ohne mit dem Neokortex, dem an der bewussten und mehr rationalen Verarbeitung beteiligten Teil des Gehirns, verbunden sein oder in Kommunikation stehen zu müssen. Sie kann also emotionale Erlebnisse aufzeichnen, die uns nie völlig bewusst geworden sind. Das Ergebnis ist Verdrängung und einen gespaltenes Bewusstsein.

Der Mechanismus der Verdrängung funktioniert nicht bei allen Menschen gleich gut. Genauso wie gewisse Menschen mit einem schwachen Herzen geboren werden, besitzen andere bei der Geburt eine verminderte Fähigkeit zur Verdrängung von Sinneswahrnehmungen. Bei solchen Menschen besteht vor allem in der Kindheit ein erhöhtes Selbstmordrisiko. Es ist schwer verständlich, warum sich Kinder von nur zwei, drei oder vier Jahren absichtlich umbringen, auf die Straße werfen, ins Wasser fallen lassen oder aus einem Fenster stürzen. Selbstmord ist bei Kindern zwar selten, er kommt jedoch vor. Im Verlauf der Past Reality Integrationstherapie stoßen einige Klienten auf Erinnerungen an Selbstmordversuche. Sie finden dabei heraus, dass sie unmittelbar vor dem Versuch vom Gefühl überwältigt wurden, den Mangel an Liebe und die Hoffnungslosigkeit ihres jungen Lebens nicht mehr ertragen zu können.  

Solche Berichte illustrieren, wie wichtig die Verdrängung für das Überleben des Kindes ist. Nachdem ich sowohl als Klientin als auch als Therapeutin die schützende Funktion der Verdrängung in der Kindheit verstanden hatte, begriff ich, dass es Menschen gibt, die die Realität ihrer Kindheit nicht in genügendem Maße verdrängen können. Selbstmord ist für sie die einzige Alternative. Das hört sich dramatisch an und ist schwer zu verstehen und zu glauben, bis wir den Schmerz aus unserer eigenen Kindheit bewusst gefühlt haben. Viele Klienten glauben ursprünglich nicht, dass kindlicher Schmerz wirklich töten kann. Das kann doch nicht sein! Im Verlauf ihrer Therapie empfinden sie dann zum erstenmal alten Schmerz und sind sich dabei bewusst, dass er aus der Kindheit stammt. Nach dieser Erfahrung zweifelt niemand mehr daran, dass voll empfundener seelischer Schmerz für ein Kind tatsächlich tödlich sein könnte.


DIE ERFÜLLUNG SEELISCHER BEDÜRFNISSE IST LEBENSWICHTIG

Wir müssen uns bewusst werden, dass nicht-materielle Dinge wie Liebe, Respekt, körperlicher Kontakt - wie z.B. kuscheln und in den Armen gehalten werden -, seelische Wärme und ein Gefühl der Geborgenheit für das Überleben des Kindes unerlässlich sind. In unserer westlichen Gesellschaft besteht eine starke Tendenz, die Wichtigkeit von Liebe, Respekt für die eigene Identität, zärtlicher Berührung, seelischer Wärme und Sicherheit zwar nicht zu bestreiten, einen Mangel an diesen Dingen aber nicht als lebensgefährlich zu erachten.

Phyllis Davis3 illustriert die wesentliche Natur seelischer Bedürfnisse, indem sie diese mit der einst erschreckend hohen Sterblichkeitsrate in der frühen Kindheit in Zusammenhang bringt. »Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts starb mehr als die Hälfte aller Kinder im ersten Lebensjahr. Als angebliche Todesursache galt eine mysteriöse Krankheit, die Marasmus genannt wurde. Das Wort Marasmus stammt aus dem Griechischen und bedeutet ›dahinsiechen‹ . (Noch vor fünfzig Jahren) stützte sich die populärste Erziehungsmethode für Kleinkinder auf die Ratschläge von Dr. Holt. Diese waren im Jahre 1894 erstmals in seinem Buch Die Pflege und Ernährung von Kindern veröffentlicht worden. ›Stellen Sie jegliches Wiegen ein. Nehmen Sie das Kind nicht auf, wenn es weint, und vermeiden Sie Verwöhnung, indem Sie es außerhalb der Fütterungszeiten und neben dem Trockenlegen nie unnötig aus der Wiege nehmen‹, waren einige von Dr. Holts Empfehlungen. 1935 erlebte das Buch seine 15. Auflage, und die Behörden verteilten noch in den Sechzigerjahren Broschüren, die die selben Richtlinien enthielten! Solche dogmatische Theorien halten sich hartnäckig, und einige Eltern und Ärzte glauben noch heute an diese ›wissenschaftlich fundierte‹ Form der Erziehung... Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nach den Ursachen des Marasmus bzw. des unerklärlichen Todes von Kleinkindern gesucht, und man brachte dieses Phänomen mit einem Mangel an Berührung in Verbindung. Die Sterblichkeitsrate sank darauf in jenen Gegenden beträchtlich, in denen man Säuglinge häufiger berührte.« Bowlbys bahnbrechende Forschung4 in den frühen Fünfzigerjahren zeigt ebenfalls, wie enorm wichtig die Erfüllung seelischer Bedürfnisse für Säuglinge ist: »Empirische Beobachtungen weisen darauf hin, dass der Hunger des Kleinkindes nach mütterlicher Liebe und  Nähe so groß wie sein Hunger nach Nahrung ist.« Das Bewusstsein der Bevölkerung begann sich dieser Tatsache zu öffnen. Sie wies darauf hin, dass ein Mangel an seelischer Zuwendung schwerwiegende Folgen haben und genauso wie ein Mangel an Nahrung schlussendlich zum Tod führen konnte. ...

»Vernachlässigung oder Missbrauch, fehlende Zuwendung von Seiten uninteressierter oder selbstsüchtiger Eltern und körperliche Bestrafung hinterlassen bei der Entwicklung des emotionalen Gehirns, das die lebenslänglichen emotionalen Charakterzüge des Menschen bestimmt, schädliche Spuren. In der Kindheit prägen sich Reaktionen auf die Behandlung von Seiten der engsten Bezugspersonen als fixiertes Muster in die grundlegende synaptische Vernetzung der neuralen Struktur ein. Diese Reaktionen lassen sich im Verlauf des späteren Leben nur mit Mühe ändern.« ...

Wie die hier angeführten Forschungsergebnisse zeigen, gibt es eine Fülle von Beweisen für die Existenz starker seelischer Bedürfnisse in der Kindheit. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse während der ersten Lebensjahre ist für das Überleben und für eine gesunde seelische Entwicklung des Kindes unerlässlich.


KOLLEKTIVE VERDRÄNGUNG UND LEUGNUNG

Die meisten Menschen sind nicht in der Lage zu verstehen, was Kinder wirklich brauchen, weil sie in ihrer eigenen Kindheit Schmerz verdrängen mussten. Sie betrachten nur die Erfüllung körperliche Bedürfnisse als wirklich lebensnotwendig und halten seelische Bedürfnisse für nicht wesentlich. Das ist ein Fehler. Wird den emotionalen Bedürfnissen des Kindes nicht entsprochen, überlebt es diese Tatsache und die Hoffnungslosigkeit seiner Lage nur dank seiner Fähigkeit, die Wahrheit zu verdrängen. Da es den meisten von uns so erging, verharrt unsere Gesellschaft in Bezug auf die Realität des kindlichen Daseins in einem Zustand, der als kollektive Verdrängung und Leugnung bezeichnet werden könnte. Die Auswirkungen dieser Tatsache auf das Leben des Einzelnen, die Gesellschaft und schlussendlich die Welt, in der wir leben, werden darum ebenfalls verdrängt und geleugnet.

Die Folgen der Verdrängung und Leugnung kindlichen Leidens sind vielfältig. Auf globaler Ebene sehen wir Krieg, Armut, Hunger und von Habgier und Hass vorangetriebene Umweltverschmutzung. Auf gesellschaftlicher Ebene verursachen psychischer Schmerz, Süchte und Kriminalität Millionen von Menschen großes Leid. Auf individueller und familiärer Ebene stellen wir fest, dass viele Menschen an Einsamkeit leiden, weil nur ganz wenige fähig sind, liebevolle Beziehungen zu anderen aufrecht zu erhalten. Und am Schluss, oder am Anfang, ist das Kind. Es ist bei der Geburt unschuldig und kann den seelischen Schmerz, der ihm zugefügt wird, nur überleben, indem es die schreckliche Wahrheit, die in der Privatsphäre von Familie und Heim verborgen und nur wenigen bewusst ist, verdrängt. Und so lassen wir es zu, dass sich dieser zerstörerische Zyklus fortsetzt, ohne uns dessen bewusst zu sein.

1 Paradise Road, Song of Survival; Originalfilmmusik, Sony Music 1997.
2 Joseph LeDoux, The Emotional Brain, Touchstone, New York, 1996. (Titel der deutschen Übersetzung: Das Netz der Gefühle, dtv Taschenbücher, 2001).
3 Phyllis Davis, The Power of Touch, Hay House, 1991.
4 John Bowlby, Attachment and Loss: Band I, Attachment, Penguin Books, 1991 (Titel der deutschen Übersetzung: Das Glück und die Trauer: Herstellung und Lösung affektiver Bindungen, Klett-Cotta, 2001).
5 Harlow, H.F. & Harlow, M.K. Social Deprivation in Monkeys, “Scientific American”, 1962, 207, 136-146.
6 M.H.  Marx, Introduction to Psychology, Macmillan Publishing Co. Inc., New York, 1976, 311.
7 Kindliche Erfahrungen und präfrontale Reduktion: Richard Davidson, ‘Asymmetric Brain Function, Affictive Style and Psychopathology’ Band 6 (1994), ff. 741-759, wie beschrieben in Emotional Intelligence, 1996, Daniel Goleman (Titel der deutschen Übersetzung: Emotionale Intelligenz, dtv 1997).
7 Forschung von Robert Prentky, Philadelphia, erwähnt in Emotional Intelligence von Daniel Goleman. 1996.


ABWEHRMECHANISMEN: LEBENSRETTEND DAMALS, LEBENSGEFÄHRLICH HEUTE

Der Mechanismus der Verdrängung, d.h. der Spaltung unseres Bewusstseins, damit wir die Realität unseres kindlichen Daseins nicht empfinden müssen, scheint an und für sich seine lebenswichtige Aufgabe zugunsten des Kindes (das wir einst waren) zu erfüllen. Die Verdrängung besitzt jedoch eine »Gehilfin«, die sogenannte Leugnung, die die verdränge Wahrheit durch eine andere »Realität« ersetzt.

DIE DREI FORMEN DER LEUGNUNG

Die Leugnung der Wahrheit kann drei verschiedene Formen annehmen: Falsche Hoffnung (FH), Falsche Macht (FM) und Primäre Abwehr (PA). Alle dienen dazu, die Wahrheit durch eine andere Realität zu ersetzen. Alle halfen dem Kind, das wir einst waren, die Kindheit zu überleben, und alle drei operieren in unserem Leben als Erwachsene weiter. Wir brauchen sie heute jedoch nicht mehr, denn die Vergangenheit ist vorbei und das Wissen um die Wahrheit stellt keine Bedrohung mehr dar.
Leider realisiert unser Verstand diese Tatsache nicht. Begegnet uns ein Symbol (alles, was uns unbewusst an die Vergangenheit erinnert), ruft dies immer unwillkürlich eine Veränderung in unserem Bewusstsein hervor. Es findet ein Übergang vom Bewusstseinszustand des Erwachsenen (BE) zum Bewusstseinszustand der Kindheit (BK) statt.

Die Hirnforschung von Joseph LeDoux erklärt, wie dieser Mechanismus auf neurologischer Ebene funktioniert. Ein Teil unseres Gehirns, die Amygdala, hat die besondere Funktion, Erinnerungen an bedrohliche, in höchstem Maße emotional geladene Geschehnisse zu speichern. Sie kann unabhängig vom mehr rationalen Teil unseres Gehirns operieren und ohne sein Bewusstsein Erinnerungen aufnehmen. Dieser Prozess hat eine ausgesprochene Überlebensfunktion. Jede neue lebensgefährliche Situation wird mit den bereits gespeicherten Erinnerungen verglichen, um abzuwägen, ob sie eine Bedrohung darstellt. Ist dies der Fall, sendet die Amygdala ein Alarmsignal aus.
Die Vergleichsmethoden der Amygdala sind jedoch nicht sehr genau. Sie beruhen auf Assoziation, und die Übereinstimmung weniger Elemente in der gegenwärtigen Episode genügt bereits zur Auslösung des Alarms. Die von der Amygdala ausgearbeiteten Reaktionen auf die Alarmsignale sind oft ebenso überholt wie die Erinnerungen, die sie ausgelöst haben. Die Fähigkeiten der Amygdala, Daten zu speichern und zu vergleichen, erfüllen zwar immer noch eine Überlebensfunktion: Wenn wir mit einer wirklichen Gefahr konfrontiert werden, brauchen wir ein Alarmsystem. Viele weiter in der Datei der Amygdala existierende Ereignisse sind jedoch veraltet, da sie uns wohl als Kinder bedroht haben, es heute aber nicht mehr tun.
LeDoux's Erkenntnisse liefern eine ausführliche Beschreibung der Gehirnmechanismen, die an den in der PRI-Theorie dargelegten emotionalen Prozessen beteiligt sind. LeDoux verwendet zwar andere Begriffe, die beschriebenen Abläufe bleiben sich jedoch gleich. Löst die Amygdala ein Alarmsignal aus, geschieht dies immer, weil momentan etwas als Symbol auf uns wirkt (d.h. uns/unsere Amygdala an etwas Bedrohliches in der Vergangenheit erinnert). Als Antwort darauf schalten wir auf den Bewusstseinszustand unserer Kindheit um und reagieren auf die Gegenwart so, als ob sie die Vergangenheit wäre.  
Hat uns ein Symbol in den Bewusstseinszustand der Kindheit (BK) zurückversetzt, steigt alter Schmerz in uns auf und wir beginnen, uns elend oder zumindest unwohl zu fühlen. Da die meisten von uns eine Abneigung gegen Schmerz teilen, entfliehen wir dem BK so schnell wie möglich und suchen hinter der »Mauer der Leugnung« - unseren Abwehrmechanismen - Schutz.

Viele von uns haben gelernt, uns so rasch aus dem BK hinter die Mauer der Leugnung zu flüchten, dass wir einen Abwehrmechanismus benutzen, bevor wir den alten Schmerz überhaupt fühlen. So können wir sein bewusstes Empfinden ganz vermeiden. Wir stossen aber auf Schmerz, sobald wir mit einem Symbol konfrontiert werden. Unser Verstand ist jedoch überzeugt, dass es sich dabei um Schmerz in der Gegenwart handelt, der durch aktuelle Geschehnisse ausgelöst worden ist. Darum,  und weil  wir den Schmerz nicht ertragen können, setzt unser Verstand unsere Abwehrmechanismen ein, als ob es um Leben und Tod ginge (was in der Kindheit tatsächlich stimmte).
Unsere Abwehrmechanismen haben uns damals tatsächlich das Leben gerettet. Sie gefährden jedoch unser Leben als Erwachsene oder machen es zumindest viel schmerzhafter, als es sein muss. Unsere heutigen Schwierigkeiten sind nicht die Folge von Schmerz aus der Kindheit. Er ist es nicht, der sich auf uns als Individuen, auf unsere Gesellschaft und auf unsere Welt so verheerend auswirkt. Unsere Abwehrmechanismen sind die Ursache unserer Probleme. Sie veranlassen uns zu großen oder kleinen Kriegen (FM), sie sind der Grund, warum wir uns wertlos fühlen (PA), und ihretwegen klammern wir uns an Verhalten, das nirgendwo hinführt und uns sogar schaden kann (FH).

Daniel Goleman schreibt: »In solchen Momenten (wenn wir auf die Gegenwart so reagieren, als ob wir es mit der Vergangenheit zu tun hätten) nimmt die ohnehin schon mangelhafte Präzision im emotionalen Gehirn noch weiter ab, weil viele emotionale Erinnerungen an die Beziehung des Kindes zu seinen Betreuern aus den ersten Lebensjahren stammen. Das trifft vor allem auf traumatische Erlebnisse von Missbrauch und Vernachlässigung zu. In dieser frühen Phase unseres Lebens müssen sich andere Gehirnstrukturen erst entwickeln, besonders der für die Formung narrativer Erinnerungen wichtige Hippokampus und der Neokortex, der Sitz des rationalen Denkens. Bei der Formung und beim Abrufen von Erinnerungen arbeiten die Amygdala und der Hippokampus Hand in Hand; beide speichern und rufen ihre eigenen spezifischen Informationen ab. Die Amygdala ist es jedoch, die darüber hinaus bestimmt, ob die Daten emotionale Bedeutung haben. Die Amygdala, der sich im Gehirn des Kleinkinds ziemlich rasch entwickelt, ist jedoch bei der Geburt ihrer vollen Entwicklung viel näher als der Hippokampus.«

LeDoux bestätigt, dass sich die Interaktionen zwischen Eltern und Kind während der ersten Lebensjahre als emotionale Lektionen, die entweder von Harmonie oder Störung gekennzeichnete sind, einprägen. Diese üben einen solch großen Einfluss aus, sind jedoch aus der Perspektive des Erwachsenen so schwer verständlich, weil sie gemäß LeDoux in der Amygdala als undefinierte, wortlose Baupläne des emotionalen Lebens gespeichert sind. Diese frühesten emotionalen Erinnerungen werden zu einer Zeit aufgezeichnet, wenn dem Kind noch keine Worte für seine Erfahrungen zur Verfügung stehen. Unsere Gefühlsausbrüche können uns darum so überraschen, weil sie oft aus einer Zeit stammen, als die Welt uns noch verwirrte und uns die Worte fehlten, um zu begreifen, was uns widerfuhr. Wir haben wohl die chaotischen Gefühle, aber nicht die Worte zu den Erinnerungen, die sie formten.

In der Kindheit stellte der Schmerz eine Lebensgefahr für uns dar. Heute sind es die Abwehrmechanismen, die fähig sind, unser Leben als Erwachsene zerstören. Wie gesagt kann die mangelhafte Präzision die Amygdala viel Unheil anrichten, weil wir z. B. die falsche Person oder Situation bekämpfen oder vor der falschen Person oder Situation fliehen. Bevor der Kortex, der Sitz des rationalen Denkens, begreift, was geschehen ist, reagiert die Amygdala mit einem jähen Zornausbruch oder akuter Angst, mit Reaktionen also, die vor langer Zeit angebracht gewesen wären.  
Die Realisation, dass wir uns sehr schaden, wenn wir uns gegen unseren alten Schmerz wehren, ist eine Voraussetzung zur Heilung. Es ist zwar keineswegs leicht, seine Abwehrmechanismen aufzugeben, aber es ist der wichtigste Aspekt des Heilungsprozesses, der in diesem Buch beschrieben ist. Es geht dabei um die Verbesserung der Qualität unseres Lebens und des Lebens unserer Mitmenschen.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass der Seinszustand, den die großen spirituellen Meister Erleuchtung nannten, »nichts mehr« als ein Zustand ist, in dem wir unsere Abwehrmechanismen nicht mehr verwenden. Die meisten dieser Meister scheinen zu sagen, dass Erleuchtung nichts Außergewöhnliches ist. Mann kann nicht auf sie hinarbeiten, weil sie bereits der natürliche Seinszustand des Menschen ist. Wir realisieren das jedoch nicht, weil wir nicht in der Gegenwart, im jetzigen Moment, sondern hauptsächlich in der Vergangenheit leben. Wir sind in der Illusion gefangen, dass sich vergangene Geschehnisse jetzt zutragen. Darum können wir die Gegenwart nicht so sehen, was sie wirklich ist.
Das Phänomen, das uns von einem Leben im natürlichen Zustand der Erleuchtung abhält, weist eine große Ähnlichkeit mit den Mechanismen auf, die uns dazu veranlassen, die einstige Realität zu sehen und uns dementsprechend zu verhalten, während wir überzeugt sind, die Gegenwart wahrzunehmen und ihr gemäß zu handeln. Das sind die Merkmale unserer Abwehrmechanismen. Ein ungeteiltes Bewusstsein - ohne Abwehrmechanismen - wäre fähig, jeden Moment voll wahrzunehmen, so wie jene Meister es beschrieben haben. Ist das nicht der natürliche Bewusstseinszustand, in dem wir geschaffen und geboren wurden?


Auszüge aus der exemplarischen Teilübersetzung von ‚Rediscovering the True Self’ von Dr. Ingeborg Bosch-Bonomo, Ingeborg Bosch PRI b.v., 2002, (www.pastrealityintegration.com )

 

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